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21.11.2018

Kompetenz statt Präsenz in der Chefinnenetage

Nicole Razavi, parlamentarische Geschäftsführerin und stellvertretende Fraktionsvorsitzende, sagte zu Gast bei der Tübinger Frauen-Union zum Jubiläumsjahr „100 Jahre Frauenwahlrecht“:

Der Weg der Frauen nach oben ist ein weiter gewesen. Einst prägten Sätze wie der folgende den Zeitgeist:  „Zu viel Denken stört die Gebärfähigkeit.“ Noch vor knapp 70 Jahren brauchten Frauen die Erlaubnis ihres Mannes, um ein Bankkonto zu verwalten oder den Führerschein zu machen. Das alles darf man nicht vergessen, will man den Aufstieg der Frauen in politische und wirtschaftliche Spitzenämter angemessen würdigen. Heute regieren Frauen erfolgreich im Kanzleramt, leiten profitable Unternehmen. Aber warum gibt es immer noch so wenige Frauen in Spitzenpositionen? 

Schauen wir auf das wirklich wahre Leben: Frauen haben bereits ohne Spitzenpositionen viel zu tun, Stichwort Teilzeit und Doppelbelastung Familie und Beruf. Wahr ist auch: Wir Frauen haben oft einen anderen Blick aufs Leben und auch einen anderen Blick auf uns selbst. Viele Frauen wollen ganz bewusst eine ausgewogene Balance zwischen Beruf und Familie. Oder entscheiden sich auch 2018 bewusst für die Familie und gegen bezahlte Arbeit. Sie bringen sich ein im Ehrenamt, in der Elternarbeit, in der Nachbarschaftshilfe, vielleicht auch in einem Kommunalparlament. Diese Arbeit ist unbezahlt, aber vor allem unbezahlbar. Frauen können und wollen den Weg in die Spitze oft nicht gehen, weil ihre Ansprüche an das richtige Gleichgewicht dann nicht mehr erfüllbar wären. Auch sie verdienen unseren Respekt, auch ihre Entscheidung muss möglich bleiben.

Das heißt aber auch: dann helfen uns letztendlich keine Quoten und keine Regulierungen. Wenn wir die gläserne Decke durchbrechen wollen, brauchen wir vielmehr eine Veränderung der Kultur. Wir müssen den Beweis führen, dass Führungsaufgaben in Job und Familienarbeit vereinbar sind, dass auch Auszeiten kein Karrierekiller sind und es auch ganz oben eben nicht nur um Präsenz geht, sondern vor allem um Kompetenz.